From the Archive: Studio Visit bei Harland Miller

Zu Gast bei „International lonely guy“ Harland Miller

Mit seinen großformatigen Ölgemälden, zerschlissenen Büchern mit skurril-fiktiven Titeln, die sich an den britischen „Penguin“-Klassikern orientieren, gehört Harland Miller zu meinen absoluten Lieblingskünstlern – und damit bin ich nicht allein. Zu seinen Fans zählen zahlreiche kreative Köpfe wie Jarvis Cocker, Elton John, Naomi Watts oder Sam Taylor-Johnson. Kürzlich war Harland Millers erste Einzelausstellung in Deutschland in der Berliner Dependance von Blain Southern zu sehen. In „Tonight We Make History (P.S. I Can’t Be There)“ zeigte Harland neue, großformatige Werke, die sich an Psychologie- und Selbsthilfebüchern der 60er und 70er Jahre orientieren. Mittlerweile ist bei White Cube in London schon Harlands nächste Ausstellung One Bar Electric Memoir zu sehen. Für BOX IN A SUITCASE habe ich den Künstler in seinem Atelier in London besucht und mit ihm über seine Arbeit gesprochen.

Woher stammt Deine Vorliebe für Literatur und Bücher ?

Harland Miller: Ich habe immer schon Bücher gemalt. Ich bin zwischen Ihnen aufgewachsen. Mein Vater hat Bücher gesammelt, er hat in einer Fabrik gearbeitet und nicht viel verdient, er hat also auf eine für ihn mögliche Art und Weise gesammelt, kaufte immer eine große Box voller Bücher für kleines Geld, ohne zu wissen, was genau sich darin befand, es konnte alles sein. Mein Vater hatte immer die Hoffnung, dass in der Kiste einmal eine wertvolle Erstausgabe sein könnte – was sie natürlich nie war, aber dafür fand er immer eine große Vielfalt an Büchern vor.

Was für Bücher waren denn in der Kiste?

Harland Miller: Klassiker als Taschenbuchausgaben, aber auch Bücher die fast schon pornographisch waren, oder solche die einem erklären sollten, wie man ein Auto repariert. Es war eine Mischung aus intellektueller und unseriöser Literatur und diese Mischung ist bis heute als Referenz in meiner Kunst erhalten geblieben.

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Harland Miller arbeitet an mehreren Bildern parallel. Foto: Ingo Brunner / Kobalt Productions

In Deinen fiktiven Buchcovern schwingt immer ein Hauch Nostalgie mit aber auch viel Humor…

Harland Miller: Bücher haben in meinem Leben eine wichtige Rolle gespielt, Humor auch. In der Industriestadt in der ich aufwuchs haben die Leute das Leben als Qual gesehen. Als eine einzige, endlose Schwierigkeit, nur Humor verschaffte Ihnen ab und an Erleichterung. Schwarzer Humor.

Gelesen wurden in dieser Industriestadt vor allem die Penguin-Taschenbuchausgaben, vergleichbar mit den Deutschen Reclamheften. Bekannt geworden bist Du mit Large-Scale Interpretationen dieser Bücher …

Harland Miller: Die Penguin Bücher gab es schon als ich Kind war, bezahlbare Romane im Taschenbuchformat, erschwinglich für die Arbeiter, damit sie die Klassiker lesen konnten ohne in die Bücherei gehen oder in einem Buchladen ein Hardcover kaufen zu müssen. Die Penguin Books waren berühmt dafür, genauso viel zu Kosten wie eine Schachtel Zigaretten.

 Hat Dir ihr Design damals schon gefallen?

Harland Miller: Ich habe nie wirklich über die Penguins nachgedacht, obwohl ich von ihnen umgeben war, aber als ich später nach Paris zog, habe ich sie dort wiederentdeckt. Damals malte ich gerade Bilder die wie Schundromancover anmuteten, Blondinen die auf billigen Motelbetten lagen, vielleicht tot, vielleicht nur schlafend, Männer mit Hüten, diese Art billige Buchcover – es gab in Paris viele davon, ich habe sie in den Antiquariaten Rive Gauche gefunden und dort gekauft, aber die Überschriften nie wirklich verstanden, weil ich kein Französisch sprach. Also habe ich angefangen die Titel zu erfinden. Ohne dass ich es damals gemerkt habe, war es für mich eine Art Erweckungsmoment, ich habe Texte erfunden, die eine ganze Geschichte suggeriert und gleichzeitig vorgegeben haben wie ich die Bilder zu malen hatte. Dann habe ich einen englischen Buchhändler entdeckt und dort eine ganze Box Bücher gekauft ohne hineinzusehen und erst in meinem Studio vor mir auf dem Boden ausgeleert. In dem Karton waren lauter Penguin Bücher und sie waren genau  was ich brauchte, ein Format, das die Aufmerksamkeit ganz auf den Text lenkte, fast auf Design verzichtete.

Welchen Einfluss hat die Farbe der Cover auf Deine Arbeit?

Harland Miller: Am Anfang war mir nicht klar, was für eine wichtige Rolle die Farbe spielte, wie sehr sie beeinflusst hat wie Leute den Text auf den Bildern gelesen und interpretiert haben. Dann habe ich die Überschriften noch mal verwendet, aber das Motiv in einer anderen Farbe gemalt, und erkannt, wie unterschiedlich die Wirkung war. Daraus entstand eine ganze Serie.

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Malerisches Chaos. Foto: Ingo Brunner. Kobalt Productions

Eines Deiner Bilder trägt den Schriftzug „International Lonely Guy“, Deine Firma hat ebenfalls diesen Namen und Dein Instagram Account. Was steckt hinter diesem Label?

Harland Miller: Die Figur des „International Lonely Guy“ habe ich in einer Zeit erfunden, in der ich viel umgezogen bin, an verschiedenen Orten gelebt und in unpersönlichen Hotels gewohnt habe ohne dort jemanden zu kennen. Ich verbrachte damals viel Zeit allein in Restaurants, Bars und billigen Pensionen. Der „International Lonely Guy“ war eine Art Raymond Chandler oder William Burroughs Figur, die viel redet, aber ansonsten geschieht irgendwie nichts. Ich hab ihn in der Zeit erfunden, als ich in den New Yorker Meatpacking District gezogen bin, Ende der Achtziger Jahre.

Heute ist die Gegend dort begehrt und teuer – im Gegensatz zu damals. Wie hast Du die Zeit dort erlebt, welchen Einfluss hatte sie auf Dein Werk?

Harland Miller: Es gab dort damals ziemlich viele Transvestiten, Prostituierte die auf den Straßen standen und Vietnamkrieg-Veteranen die unter einer Brücke lebten. Wenn das Wetter schlecht wurde und der Wind dort, wo die Jungs hausten, besonders kalt zu wehen begann, fing die Heilsarmee an ihre Runde zu drehen, um Suppe zu verteilen, Marmeladenbrote und Schokolade. Dann habe ich mich, denn ich war zu dieser Zeit ziemlich pleite, manchmal dazu gesellt. Ich hatte ein Atelier, war nicht obdachlos, aber ich habe mich in der Schlange angestellt für ein paar Sandwiches und dabei einige von den Nutten und Transvestiten kennengelernt und mich mit den Jungs und Mädchen dort angefreundet. Sie haben mich mitgenommen in dieses Café in der Nachbarschaft, der Besitzer hieß Jerry und ihm war wichtig, dass dort ein guter Umgangston herrschte. Zu seinen Gästen zählten Huren und Trucker, die Leute fluchten viel und deshalb hing er ein Schild auf, auf dem stand „no profound language“, „keine tiefgründige Sprache“. Ich fand das großartig, denn ganz offensichtlich meinte er „no profane“ language, also keine lästerliche Sprache. Aber keiner hat ihn darauf hingewiesen. Mir hat die doppelte Bedeutung gefallen, die das Schild bekam. Das ist genau die Art und Weise in der ich mit Sprache spiele, mit Redewendungen, die eine mehrdeutige Aussage beinhalten. Ich hab das Wort „International“ genommen und mit etwas kombiniert, das nicht wirklich dazu passt. Das Gegenteil von dem, was man eigentlich denken würde, zum Beispiel „Internationale Berühmtheit“. „International Lonely Guy“ beschrieb mich wesentlich treffender, passte einfach viel besser zu meiner damaligen Situation.

Du malst nicht nur Buchcover sondern schreibst selbst auch viel, Romane und Artikel …

Harland Miller: Ich habe damit angefangen als ich in Ost-Berlin lebte, ich sprach kein Deutsch und viele Leute nicht wirklich Englisch. Ich weiß nicht ob Du das mal gemacht hast, in ein fremdes Land zu ziehen ohne die Sprache zu sprechen und am Anfang total isoliert zu sein, die ganze Zeit in Deiner eigenen, kleinen Blase zu leben.

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Harland Miller bei der Arbeit. Foto: Ingo Brunner / Kobalt Productions

Ja, ich bin nach Venedig gezogen, genauso war es damals dort auch für mich…

Harland Miller: Dann weißt Du ja, was ich meine. Ich habe angefangen Tagebuch zu schreiben, vielleicht aus Heimweh. Und dabei wurden ziemlich viele alte Erinnerungen wach. Ich fing an zu schreiben und ohne dass ich es gemerkt habe, schrieb ich ein paar Seiten über Erlebnisse, die bereits Jahre zurücklagen. Nach ein paar Monaten hatte ich so etwas wie die Memoiren meiner Kindheit geschrieben. Ich hab damals das Studio mit einem Typen geteilt, der mir James Joyce und all das Zeug zu lesen gab. Joyce konnte, als er in die Schweiz zog, kristallklar über seine Kindheit in Dublin schreiben, gerade weil er nicht dort war. Das ist genau das, was auch mir passiert ist und so fing ich an Texte zu verfassen. Viele der Sätze die auf meinen Bildern zu sehen sind, haben ihren Ursprung in diesen Sachen, die ich damals verfasste, vor allem in den unveröffentlichten. Sie alle könnten auch die Titel von Geschichten sein, die ich vielleicht irgendwann einmal schreibe – oder auch nicht. Es sind einfach zu viele!

Für Deine aktuelle Ausstellung „Tonight We Make History (P.S. I Can’t Be There)“, die bei Blain Southern in Berlin zu sehen war,  hast Du Dich ganz von Deinen bekannten Penguin Motiven gelöst…

Harland Miller: Die neuen Arbeiten kann man als eine Fortsetzung meines Themas begreifen, sie basieren ebenfalls auf Buchcovern, aber unterscheiden sich von meinen früheren Bildern. Früher ging es darum, die komplette Aufmerksamkeit auf den Text zu lenken. Ich wollte dass die Leute den Text lesen und zuerst darauf reagieren. Dann habe ich festgestellt: Das machen sie sowieso. Menschen können überhaupt nicht anders als Texte lesen, egal ob es ein Graffiti auf einem Zug ist oder die Schilder, die man sieht, wenn man durch Los Angeles fährt. Man schert sich vielleicht nicht um sie, man nimmt sie vielleicht nicht einmal war, aber unterbewusst verinnerlicht man sie. Unser Gehirn kann gar nicht anders. Wir lesen einen Text, bevor wir uns selbst davon abhalten können. Man muss sich bewusst dafür entscheiden Text NICHT zu lesen. Darin liegt der große Unterschied, zu der Art in der man normalerweise Kunst betrachtet. Ganz früher waren meine Kunstwerke einfach nur abstrakt, die Leute haben mich gefragt, was sie bedeuten, worum es mir in meiner Arbeit geht. Jetzt kommen die Leute zu mir und berichten mir, wie sie meine Bilder interpretieren.

Wie findest Du das ?

Harland Miller: Mir gefällt das viel besser so. Die Menschen schreiben mir und erzählen davon, dass sie ein Bild von mir besitzen oder gesehen haben und welche Bedeutung es für sie hat und dass sie sich freuen mir das mitteilen zu können. Sie fragen nicht mehr was ich mir bei den Bildern gedacht habe, das ist großartig. Ich freu mich darüber, denn für mich haben die Texte immer mindestens zwei Lesarten.

 Was unterscheidet die neuen Bilder sonst noch von Deinen Penguin Klassikern?

Harland Miller: In der aktuellen Ausstellung arbeite ich auch mit Symbolen und Diagrammen, die sich ebenfalls auf verschiedene Arten lesen lassen, sie haben eine Art Flipflop Effekt. Ich wollte, dass man sie lesen kann und gleichzeitig sieht, dass es da noch eine zweite Interpretationsebene gibt. Das ist der Unterschied zu den älteren Arbeiten von mir, die auch in der Show zu sehen sind.

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Mit Harland Miller im Atelier. Foto: Toby Kidd / Blain Southern

Was Harland noch über seine Arbeit verraten hat, gab es am 29.05.2016 um 16.45 in  Metropolis auf Arte zu sehen.

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