Ex-Dior Designer Raf Simons schenkt uns neuen Stoff zum Träumen!

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DIOR UND ICH

Im Herbst 2015 verließ Designer Raf Simons Dior, um sich neuen Aufgaben zu widmen. Jetzt war er in Berlin, um eine neue Kollektion für den Stoffhersteller Kvadrat vorzustellen.Sein Beispiel zeigt, weshalb es nicht immer die ganz große Bühne sein muss.

Christian Dior hat die Geschichte der Haute Couture geprägt wie kein zweiter. Mit seinem „New Look“ trug er nach dem zweiten Weltkrieg maßgeblich dazu bei, dass Paris New York den Rang als Modehauptstadt ablief. Dior selbst erinnerte sich später an diese Zeit so: „Wir hatten gerade den Krieg überstanden. Uniformen. Soldatenfrauen mit Boxerschultern. Ich zeichnete Blumenfrauen, zarte Schultern, aufblühende Oberkörper, schmale Taillen und weite Röcke. Es zeigte sich, dass mein persönliches Gefühl der allgemeinen Befindlichkeit entsprach.“

DER MEISTER DER HAUTE COUTURE HEISST CHRISTIAN DIOR

Es war Diors Stilgefühl, sein untrügliches Gespür für den Zeitgeist, vor dem ganz Frankreich niederkniete. Sein Einfluss war so groß, dass Kritiker von einem Modediktat sprachen: In Rekordtempo schuf er einen neuen Trend nach dem anderen – die Industrie und wohlhabende Kundinnen folgten willig. Auch die Presse resümierte begeistert: „Wenn Christian Dior sagt die Röcke werden länger, werden sie länger von Brooklyn bis Zentralafrika. Der Meister der Haute Couture heißt Christian Dior!“

Seinen Ruhm konnte Dior nur kurz genießen. Nach nur einer Dekade in der Haute Couture verstarb er mit nur 52 Jahren und hinterließ ein Vermächtnis, an dem seine Nachfolger sich bis heute abarbeiten, fast scheint es unmöglich zu sein, als Chefdesigner im Haus Dior über längere Zeit zu bestehen. Nach dem Skandal um John Galliano, der 2011 wegen antisemitischer Pöbeleien des Platzes verwiesen wurde, warf im letzten Herbst auch Hoffnungsträger Raf Simons, der 2012 die Position des Chefdesigners übernommen hatte, das Handtuch. Offiziell aus privaten Gründen, inoffiziell aber hieß es schnell, der Druck wäre zu hoch gewesen.

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Foto: „Dior und Ich“

„Wenn man in Frankreich aufgewachsen ist, hörte man jeden Tag von Dior, das ist schon ein legendäres Modehaus, es gibt ja nur noch wenige Häuser, die noch Haute Couture machen, und Dior gehört dazu, es schwebt ein Geheimnis über Dior, denn man weiß ja so gut wie nichts darüber, was im Innern des Hauses vor sich geht, und auch die Person Christian Dior bleibt geheimnisumwittert“, kommentiert Frederic Tscheng, Regisseur von „Dior und ich“ und „Diana Vreeland – The Eye has to Travel“. Er hat Raf Simons für seine Dokumentation lange begleitet und weiß, welche Herausforderung es ist, eine Dior-Kollektion für das 21. Jahrhundert zu entwerfen.

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Foto: Fredric Tscheng

DIE AUFGABE BEI DIOR WAR EINE HERAUSFORDERUNG FÜR RAF SIMONS

Dass auch Raf Simons sichtlich Respekt vor der Aufgabe hatte, war ihm anzumerken. Der Druck war hoch, die Arbeit bei Dior für Raf Simons riskant. Mit Haute Couture hatte er keine Erfahrung. Zudem kam er aus der Herrenmode, der blumige Stil war nicht seine Welt. Er galt dank futuristischer Details und provokanten Inszenierungen als „modischer Terrorist“. Simons anspruchsvolle Aufgabe lag darin, die Traditionsmarke zu modernisieren, dynamischer werden zu lassen und zeitgenössische Elemente einzubringen, ohne den Mythos Dior dabei zu zerstören.

„Es macht Spaß, aber es ist schon schwer. Ich will auf keinen Fall damit sagen, dass ich mich auch nur ansatzweise so talentiert bin, wie Christian Dior“, kommentierte der Belgier nach seinem Einstand fast demütig. Dann begann Simons Auseinandersetzung mit dem verstorbenen Genie, von der ersten Zeichnung bis zur Locationsuche für die Modenschauen, begleitet wurde er damals von Fredric Tscheng, der in „Dior und ich“, auch die Diskrepanzen zwischen dem sensiblen und extrem kamerascheuen Simons und den Wünschen der Martketingabteilung von Dior festhielt. „Raf Simons gilt als reserviert und unnahbar, manche sagen sogar, er sei kühl. Mir war schnell klar, dass das nur die halbe Wahrheit ist. Denn diese Adjektive hat man auch mir schon angedichtet. Und ich weiß, dass sie nicht stimmen. Ich habe Raf Simons auf Anhieb als sehr warmherzig, spontan und neugierig kennengelernt.“

Trailer: „Dior und ich“, Regie: Fredric Tscheng

DER DRUCK IN DER HAUTE COUTURE IST ENORM

Der Film „Dior und ich“ vom Frühjahr, mindestens so gute Werbung für Dior wie der Weltmeister-Film „Die Mannschaft“ für den DFB, hätte ein Zeichen sein können, dass sich die Welten der Modemacher und der Modevermarkter doch noch annähern können“ schrieb Modexeperte Alfons Kaiser zu Simons Abschied in der FAZ, während die Süddeutsche Zeitung das Pensum eines Haute Couture Designers aufschlüsselt.

„Ein Dior-Designer entwirft sechs Kollektionen im Jahr, zweimal Couture, zweimal Prêt-à-porter, eine Pre-Fall, eine Cruise; die Capsule-Collections außer der Reihe noch nicht mitgerechnet. Er muss bei Store-Eröffnungen anwesend sein, Interviews geben, Kunden charmieren, Kampagnen lancieren, Settings imaginieren, allzeit präsent und alert, und wenn er ein guter Junge ist, macht er nebenbei noch Social Media. Zeit zum Nachdenken über die vergangene Kollektion: null“.

Paris: Die Dokumentation "Dior und Ich"
Paris: Was ist nur los bei Dior? Frederic Tscheng hat in seiner Doku „Dior und ich“ Raf Simons beim Entwerfen seiner ersten Kollektion für das französische Modehaus begleitet. Foto: FCIM Productions

Für den Künstler Simons, für den Musik, Kunst, Performances und Literatur von der ersten Kollektion an nicht nut Inspiration warren, sondern wine substantielle Rolle spiel ten, war summing up, or rather clarifying the kind of world Raf Simons wants to project. Für inn war es wichtig, die Zeit zu haven, Stimmungen nachzuspüren, fremde Haltungen zu verstehen und eine eigene zu entwickeln, um Mode entwerfen zu können, die Individualität und Unabhängigkeit verköprert. Zwei Schlüsselbegriffe im Simonsuniversum, die im Pariser Konzern eine untergeordnete Rolle spielten.

Daraus, dass auch Raf Simons die Welt der großen Modekonzerne kritisch sieht, hat er keinen Hehl gemacht, die äußeren Zwänge unter denen in den großen Konzernen agiert werden muss und die auf Kosten der Kreativität gehen, liegen ihm nicht. Wer Tschengs Film gesehen hat, den wunderte die Entscheidung des Designers daher nicht, er bewundere die Entschlossenheit, mit der Raf Simons schon immer seinem Herzen gefolgt ist, postete Tscheng auf Twitter.

RAF SIMONS BLICKT JETZT RICHTUNG ZUKUNFT

Inzwischen ist Raf Simons wieder nach Belgien, zu seinem nach ihm benannten Label zurückgekehrt, mit dem er kürzlich 20jähriges Jubiliäum feierte und hat für Kvadrat eine Stoffkollektion entworfen, die er letzte Woche präsentierte.

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Foto: Kvadrat

In der Berliner Galerie Schulte zeigte er leuchtende Stoffe, dominiert von bunten Streifenmustern im 40er Jahre Retrolook. Und ist gegenüber dem Online-Magazin Stylebook dann doch noch deutlich geworden: „Es wird vernachlässigt, Kreativität zu fördern, den Talenten Räume für Ideen zu schaffen, damit tolles Design entstehen kann. Das ist doch am wichtigsten“, so Simons. „Nicolas, Phobe und ich* sind bereits die mittlere Designer-Generation. Wer kommt nach uns. Ich sehe da nicht viel.“

Den nötigen Raum für Ideen hat Raf Simons sich nun zurückerobert. Und vielleicht lässt sich von ihm lernen, dass es nicht immer die ganz große Bühne sein muss.

*Nicolas Ghesquière, Phoebe Philo

Fotos: © CIM Productions

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