Artist talk: Box in a suitcase trifft Francesco Vezzoli in Mailand

ZU GAST BEI FRANCESCO VEZZOLI

Francesco Vezzoli gehört zu den gefragtesten Künstlern Italiens.  Bekannt wurde er durch seine Zusammenarbeit mit internationalen Stars – und als Hauskünstler von Miuccia Prada. Auch Hollywood liebt den Multimediakünstler, der in seiner Kunst gekonnt mit den Klischees seiner Heimat, mit Schönheit, Glamour, Katholizismus, der Film,- Fashion- und Werbeindustrie spielt.

Francescos liebstes Motiv aber sind die Diven. Helen Mirren, Christie Brinkley, Eva Mendes, Catherine Deneuve – sie alle dienten dem italienischen Multimediakünstler bereits als Musen – zum Beispiel als weinende Madonnen für seine unerschrocken kitschigen Porträts.

Für mein Interview habe ich Francesco Vezzoli in seiner Heimatstadt Mailand getroffen und mit ihm über Macht und Täuschung in der Kunst gesprochen …

Francesco vezzoli im interview

Du bist dafür bekannt, dass Elemente der Entertainementindustrie und der Popart in Deine Arbeiten einfließen – darauf reduzieren lassen sich Deine Arbeiten aber nicht. Früher hast Du auch oft moderne Klassiker in Deinen Werken zitiert, Dich auf große Künstler wie Bruce Naumann und Mark Rothko bezogen. Dann wiederum spielte die Antike in Deiner Kunst eine große Rolle.  Weshalb der ständige Sinneswandel?

FRANCESCO VEZZOLI: Ich hab bei den Meistern der modernen und zeitgenössichen Kunst nach Antworten gesucht. Aber wenn man in einer Kunstwelt arbeitet, die so wie heute eher einer Industrie gleicht, dann büßt selbst ein Bild von Rothko alles Heilige ein.

Ein Bild von Rothko ist also nur ein profanes Gemälde?

FRANCESCO VEZZOLI: Es ist quasi die Assunta für ein globales Publikum. Wenn man heute ein Gemälde von Rothko betrachtet, dann ist das so, als ob man sich die Mona-Lisa ansieht.

2012 ist ein Rothko Gemälde für mehr als 75 Millionen versteigert worden. Inwiefern hat sich Dein Blick auf Rothko seitdem verändert?

FRANCESCO VEZZOLI: Seine Bilder stehen als Symbol für Marktwert und für finanzielle Spekulation. Ich bin da sensibel. Obwohl ich das nie gedacht hätte, haben die Bilder mit ihrer Wertsteigerung für mich einen Teil ihrer Poesie eingebüßt.

Und die findest Du jetzt stattdessen in der Antike ?

FRANCESCO VEZZOLI: Paradoxerweise bietet die antike Kunst, die einem eigentlich auch ein wenig Furcht einflössen könnte, weil man wissen muss, wie man sie entschlüsselt, damit man sie lesen kann, viel Spielraum. Auf ihr lastet weniger Gewicht, gegenüber der modernen und zeitgenössischen Kunst hat man heutzutage mehr Verantwortung.

Und die antike Kunst ist inzwischen auch wesentlich günstiger als zeitgenössische Werke! Sogar die italienische Kirche aus dem 19. Jahrhundert, die Du vor kurzem gekauft hast, um sie für deine „Trinity-Ausstellung“ ins MoMa zu verschiffen, war sicher günstiger als ein Rothko. Wie bestimmt sich so ein Wert?

FRANCESCO VEZZOLI: Das ist genau das, womit ich mich in meinen Projekten beschäftigt habe. Künstler werfen Fragen auf. Ich kann zu Christies gehen und Skulpturen aus dem 2. Jahrhundert nach Christus kaufen und für meine Installationen damit spielen. Ich kaufe eine Büste die Kaiser Adrian zeigt und sie kostet vielleicht 15 000 Euro. Für zeitgenössische Kunst ist das praktisch nichts.

Welchen Wert hat antike Kunst für Dich?

FRANCESCO VEZZOLI: Vor allem einen historisch-konzeptuellen. Aber auch einen politischen Wert.

Francesco Vezzoli im Florentiner Palazzo Bellini. Foto: Frauke Schlieckau

Dein eigener Wert wiederum steigt stetig – dass Werke von Dir gleich mehrmals auf der Biennale in Venedig zu sehen waren, hat sicher seinen Teil dazu beigetragen …

FRANCESCO VEZZOLI: Für meine Kunst gibt es einen ernstzunehmenden Markt, aber ich bin kein Künstler mit dem spekuliert wird. Ich hab drei Mal teilgenommen. Eigentlich vier Mal.

Einmal davon mit „Democrazy“. Ein Wahlwerbespot, in dem Bernhard-Henry Lévy den amerikanischen Prsidentschaftskandidaten verkörpert – und Sharon Stone seine Gattin.

FRANCESCO VEZZOLI: Democrazy ist ein Video, das aus dem Verlangen entstanden ist, die Sprache der Politik zu entmystifizieren.

Wie bist Du das Thema angegangen?

FRANCESCO VEZZOLI: Ich bin nach Washington, habe die Spin Doctors kontaktiert, die für Clinton und John McCain gearbeitet haben und ich habe sie gebeten, einen echten Wahlwerbespot zu kreieren, mit Sharon Stone und Bernard-Henry Lévy. Dieses Video spricht von- und analysiert Machtsysteme. Heute würde ich so eine Arbeit aber nicht mehr machen, denn mir kommt es mittlerweile so vor, als ob es schon mehr Macht in der Welt der Kunst, als in der Welt der Politik gibt.

Weshalb ausgerechnte Bernard-Henry Lévy?

FRANCESCO VEZZOLI: Ich wollte einen Philosophen. Die Idee war einen Philosophen und eine Hollywoodschauspielerin zu kombinieren. Für mich mussten das zwei metaphorische Figuren sein. Für Kunst muss man symbolische Figuren wählen. Lévy steht als Symbol für die Philosophie und Sharon Stone als Symbol für die Diva. Es sind beides Personen, die in ihrem jeweiligen Bereich viel kritisiert und diskutiert werden. Ich finde das nicht problematisch, ich schätze Bernard-Henry Lévy als Mann und als Philosoph, und ich bin sehr dankbar dass er mitgespielt und seine öffentliche Identität dadurch auch ein wenig zur Diskussion gestellt hat.

Generell ist Deine Kunst sehr narrativ …

FRANCESCO VEZZOLI: Ja! Ich willl die Beziehung zwischen den Menschen und der Macht ausloten. Ich denke dass ist das große Thema von dem Kunst generell erzählt. Egal, ob es um Renaissance oder Gegenwartskunst geht. Mir scheint es so, als ob es am Ende immer auf den politischen oder finanziellen Aspekt hinausläuft, der spielerisch Einzug in die Kunst hält.

Wer ist denn heute eigentlich an der Macht?

FRANCESCO VEZZOLI: Ich hab den Eindruck, als ob die Personen, die loszogen um die Welt zu beherrschen, in jüngster Vergangenheit oft aus den Medien kamen. Wer hatte Macht in England? Rupert Murdoch. Wer hatte Macht in Italien? Berlusconi. Wer hatte Macht in New York? Michael Bloomberg. Was hatten Sie? Das Fernsehen.

Heute ist das nicht mehr zwangsläufig so. Das Fernsehen erleidet ja generell eher einen Bedeutungsverlust …

FRANCESCO VEZZOLI: Ja, die Welt verändert sich. Aber ich versuche, Medien einzuordnen und das Instrumentarium zu analysieren, mit dem sie arbeiten.

Wenn wir schon über Medien sprechen, Du hast Deine Viedeoarbeitne online stellen lassen, sozusagen als als digitale Ausstellung, das ist recht außergewöhnlich..

FRANCESCO VEZZOLI: Ich war noch nie sonderlich kontrollsüchtig, was Youtube & Co angeht.

Keine Sorge, dass Dein Werk zweckentfremdet wird?

FRANCESCO VEZZOLI: Ich mache mir über vieles Gedanken. Ich mache mir über meine Arbeit Gedanken. Aber ich denke die sozialen Medien zu kontrollieren ist quasi unmöglich. Ich zerbrech mir den Kopf darüber, wie ich meine Kunstwerke konzipiere, danach reisen sie allein weiter und die Reaktionen des Publikums auf sie können ganz unterschiedlich ausfallen…

Also verfolgst Du da keine Strategie?

FRANCESCO VEZZOLI: Nein, ich verfolge keine Strategie, wirklich eine gute Social Media Strategie zu verfolgen, das kostet viel Geld.

Das gilt vermutlich auch für Deine aufwändigen Produktionen – dabei täuschen diese mitunter nur etwas vor, dass es überhaupt nicht gibt. Caligula zum Beispiel, ist ein Trailer für einen Film den es nicht gibt, Greed ein Trailer für ein Parfum das es nicht gibt … Was interessiert Dich so am Spiel mit der Täuschung?

FRANCESCO VEZZOLI: Sie ist eine Metapher für die Welt der Medien. Die Medien kreieren für uns eine fiktive Realität. Wie auch in der Welt der Mode, wird hier mit Projektionen gearbeitet, ob das nun politische oder ästhetische, filmische oder historische Projektionen sind. Sie ermöglichen es uns, über den Tellerrand zu blicken. Im Internet können wir erotische Fantasien sehen, im Fernsehen fiktive, es ist alles eine große Fikiton. Es hängt alles davon ab, wie sehr wir so sein wollen, wie die Fiktion, die wir vor Augen haben.

Welche Rolle spielt Täuschung in unserer Gesellschaft? Immerhin können wir heute unsere ganze Biografie nerfinden?

FRANCESCO VEZZOLI: Wir können uns fiktive Identitäten kreieren, wir haben ein Instagram-Porträt und präsentieren der ganzen Welt dort ein fiktives Bild von uns. Wir können so tun, als ob wir ein sehr glamouröses Leben hätten, aber in echt hängen wir immer zu Hause rum. Wir können auf Grinder nach Sex suchen und dort Fotos von uns verwenden, die gefälscht sind. Es ist alles viel fiktiver oder zumindest gefilterter. Das ist auch problematisch.

Wieviel Wahrheit liegt in der Kunstwelt?

FRANCESCO VEZZOLI: Sagen wir, es könnte mehr sein, es ist viel Falschheit dabei, zwangsläufig. Ich habe lange im Ausland gelebt, habe die Kunstwelt gut kennengelernt, mittlerweile bin ich etwas müde, an all dem teilzunehmen. Die Kunstwelt ähnelt Hollywood ziemlich oder der Musikindustrie … Ich versuche mich inzwischen ein wenig davon fernzuhalten. Nicht von der Kunst selbst, aber von der Kunstwelt. Sie ist einfach eine große Industrie mit einer riesigen PR-Maschinerie, Millionen von Gallerien und Messen, das sind alles schöne und positve Sachen, aber man kann von einem Künstler nicht erwarten daran teilzunehmen.

Ein Porträt von mir über Francesco Vezzoli war auch auf  Arte Metropolis zu sehen. Dort findet Ihr regelmäßig neue Beiträge über die europäische Kunst- und Kulturszene.

 

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