Do you read me: Die Blumen der Mode

Mode ALS DISKUSSIONSSTOFF

Kurz nach dem Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten ernannt wurde, haben Zeitungen weltweit, von der New York Times bis zur FAZ, ganze Artikel den Outfits gewidmet, die Melania Trump während der offiziellen Feierlichkeiten trug. Zeitgleich entspann sich eine Diskussion darüber, ob es überhaupt angemessen sei, der Mode ein so hohes Maß an Aufmerksamkeit zu schenken. Weshalb die ganze Aufregung um letztendlich doch nur ein paar Bahnen drapierten Stoff?

Die BlUMEN der Mode

Wer nicht verstehen kann, weshalb die Mode – und die jeweiligen dahinter stehenden Designer – anlässlich politischer und gesellschaftlicher Ereignisse, bei denen es doch so viel wichtigere Dinge zu besprechen gäbe, immer wieder in den Fokus der Öffentlichkeit rücken, der sollte einen Blick in Barabara Vinkens Die Blumen der Mode werfen. In dem von der Künstlerin Michaela Melián gestalteten Band hat Vinken, Professorin für Allgemeine Literaturwissenschaft und Expertin für Mode, jetzt klassische und neue Texte zur Philosophie der Mode versammelt. Das Ergebnis ist eine Blütenlese, die vor allem eins zeigt: Die Mode hat die klügsten Köpfe beschäftigt – und zwar schon seit Jahrhunderten.

Es sind lesenswerte Texte, die Barbara Vinken ausgewählt hat, vornehmlich von männlichen Autoren verfasst übrigens, streitbare, schöne, eigenwillige, gewagte und „manchmal auch giftige Blüten“, wie die Herausgeberin im Vorwort schreibt, Blüten die uns dabei helfen, unseren Blick für die Mode der letzten dreihundert Jahre und die leidenschaftlichen Diskussionen, die sich an ihr entfacht haben, zu schärfen.

KULTURGESCHICHTE DER MODE

Für den Architekten Adolf Loos beispielsweise, war die Mode um 1900 ein gräßliches Kapitel der Kulturgeschichte. Walter Benjamin bezeichnete sie als bittere Satire auf die Liebe, Marcel Proust erzählt von dem Versuch eines Mannes, der Geliebten die schönsten Kleider zu schenken, während Simone de Beauvoir kein gutes Haar an ihr lässt.

„Für die einen ist die Mode Indiz der ewig gleichen menschlichen Eitelkeit, Gefallsucht und Statussucht. Vielen ist sie nach wie vor Zeichen einer ebenso tyrannischen wie barbarischen Klassen- und Geschlechterhierarchie. Für die anderen ist die Mode ein kostbares Kulturgut, der reflexive Ort, an dem unsere Gesellschaft Rassen-, Klassen- und geschlechtliche Identitäten verhandeln“ schreibt Barbara Vinken im Vorwort und macht deutlich, dass Mode bis heute keineswegs konsensuell ist.

„So sehr auf der Hand liegt, dass es sie gibt und dass es kein Entkommen vor ihr gibt, so deutlich gilt ihr Dasein vielen als verdammenswert, manchen als vernachlässigenswert, längst nicht allen als berechtigt, und einigen als das Feld schlechthin, auf dem die Ästhetik der Moderne und der Postmoderne erblüht und Gesellschaften sich kritisch ins Bild setzen, aus dem Bild fallen.“

Mit die Blüten der Mode zeigt Barbara Vinken einmal mehr, wie gehaltvoll eben diese Auseinandersetzung mit der Mode sein kann. Und wie viel sich aus ihr lernen lässt. Nicht nur bei politischen Anlässen.

Barbara Vinken. Foto: Barbara Vinken

Die Blumen der Mode ist im Klett-Cotta Verlag erschienen. 

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